Streitpunkt christliche Erziehung – (zart oder hart)

Die Fachstelle infoSekta hatte in Zusammenarbeit mit der Stiftung Kinderschutz Schweiz im April 2013 eine Studie herausgegeben über das Thema Erziehungsverständnis in evangelikalen Ratgebern und Kursen. Analysiert wurden 21 Ratgeber und Kurse, die in freikirchlichen Kreisen verbreitet sind. Gemäss infoSekta kursieren problematische Ratgeber, die auch körperliche und seelische Gewalt an Kindern beinhalten.

Wieso diese Studie?

Jährlich gehen bei infoSekta mehrere Hundert Anfragen ein. Etwa 1/3 davon kommen aus Kreisen mit evangelikalem Hintergrund. Themen sind innere seelische Konflikte oder Ängste von Kindern (z. B. Angst, dass jemand, den die Kinder lieb haben, aufgrund ihres «Nichtglaubens» verloren sei) oder körperliche Züchtigung.

Weiter wird infoSekta von Jugendlichen kontaktiert, die in Nöte geraten sind, weil sie schwul oder lesbisch sind, in jemanden verliebt sind, der nicht gläubig ist oder dass sie mit der Vorgabe des Elternhauses nicht klarkommen, dass Sexualität nur in die Ehe gehören soll.

Streitpunkt christliche Erziehung

Streitpunkt christliche Erziehung – Was ist Liebe? Was ist Druck? Was ist richtig?

Erkenntnisse der Studie

Eine Erkenntnis des Berichts ist für Dr.phil. Regina Spiess1), dass zwei von vier entdeckten Erziehungsverständnissen problematisch seien. Und zwar diese, die davon ausgehen, wie das Kind sein sollte oder was Gott vom Kind wolle. Die andern zwei gehen eher von kindlichen Bedürfnissen aus. Und oft werde erwähnt, wenn Eltern sich nicht durchsetzen können, habe dies Auswirkungen auf die Ewigkeit (Kind könnte z. B. verloren sein). Im Weiteren beschäftigte Dr.phil. Regina Spiess1), dass…

… es bei einem Erziehungsverständnis Ziele gab, die sich «beissen»: Das oberste Ziel sei, dass das Kind gläubig werde und gleichzeitig soll es autonom sein und selbst entscheiden.

Wie können Eltern ihre Werte ohne Gewalt oder Einschüchterung weitergeben?

Dr. phil. Franz Ziegler2) empfiehlt Eltern: «Behandle das Kind so, wie du selbst gern behandelt werden willst». Er lehnt Ohrfeigen als Erziehungsmassnahme ab. Gewalt scheint effizient, aber was sind die Folgen davon? Auch Trennungsdisziplinierungen können Kinder traumatisieren (nur wenn du das und das machst, dann darfst du bei Mami sein… ).

Heinz Etter3)  sieht Gewalt breiter als nur in körperlicher Bestrafung. Er setzt auf Vetrauenspädagogik. Dies umschreibt er auf seiner Internetseite: «Diese Art der Beziehung besteht im gegenseitigen Vertrauen zwischen zwei Wesen, die hierarchisch nicht auf gleicher Stufe sind. Dass wir dieses Vertrauen letztlich nicht verdienen, sondern dass man uns Vertrauen immer wieder ‚schenkt‘, ist ein wesentlicher Aspekt» (Vertrauenspaedagogik.ch). Er vergleicht die Eltern – Kind-Beziehung mit der Beziehung von Gott zum Menschen: « …denen (den Menschen) Gott trotz all ihrer Mängel ungeheuerlich viel zutraut, denen er Verantwortung gegeben hat und einen freien Willen.»

Beim christlichen Glauben geht es um Beziehung

Heinz Etter3) ist der Überzeugung, dass Eltern da sind, um Kinder zu führen und zu prägen. Und Kinder, um auf die Eltern zu hören. Wenn Kinder gut an Eltern gebunden seien, seien sie loyal und bräuchten nicht mit Gewalt oder Druck geführt zu werden, sondern das Vorbild der Erzieher wirke. Wer Glaube mit Gewalt oder Druck vermitteln will, der quadriere einen Kreis – etwas Unmögliches.

Oft «reduziere» man den Glauben auf ein bestimmtes Verhalten. Aber es gehe um eine Beziehung und nicht um Druck irgendeiner Form. Oft herrsche ein falsches Hierarchieverständnis: Man denkt, wer oben sei, sei mehr wert als der, welcher unten ist.

 

Kinderwelt: Respektieren, als Erwachsener miteintauchen, Vertrauen gewinnen, Persönlichkeit fördern

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Hierarchie bedeutet aber nicht, dass man unterschiedlicher Würde sei. Respekt und Würde haben nichts mit der Hierarchiestufe zu tun. Jesus sagte: «Wer unter euch der erste sein will, soll euer Diener sein». Er lebte Führung mit Respekt und Wertschätzung vor – so gesehen «von unten her» und nicht von oben herab.

Christliche Kindererziehung: Streitpunkt oder Chance?

Christliche Kindererziehung: Streitpunkt oder Chance?

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Wie sieht ideale Erziehung aus?

– Respektieren und fördern der «Eigenheiten vom Gegenüber»  mit gleichzeitigem Hinführen zu einem sozialen gesellschaftlichen Wesen. Und dies alles ohne Anwendung von irgendwelcher Gewalt. (Dr. phil. Franz Ziegler2))

– Gute Beziehung zum Kind, nicht nur auf Defizite fixiert, positive Rückmeldungen, klare Regeln und Linien, die gelten. Fördern des Kindes und dessen Potenzial (Martin Schnyder 4))

– Für Dr. phil. Regina Spiess1) ist der autoritative Erziehungsstil die ideale Erziehung (Autoritativer Erziehungsstil: «Eltern, die ihre Kinder autoritativ erziehen, gehen liebevoll auf diese ein und üben gleichzeitig ein hohes Mass an Autorität aus». Wikpedia)

– Heinz Etter3) findet den Erziehungsstil dann ideal, wenn das Kind auch in Konflikten Eltern an seiner Seite wahrnimmt. Nicht nur die Eltern sondern alle, die das Kind fördern.

1) Dr. phil. Regina Spiess (Psychologin, Projektleitung infosekta)
2) Dr. phil. Franz Ziegler (Psychologe und Heilpädagoge, Fachstelle Kinderschutz Kanton Solothurn)
3) Heinz Etter (Leiter der Fachstelle für Vertrauenspädagogik, Buchautor)
4) Martin Schnyder (Erwachsenenbildner, Leiter Fachkreis «Erziehungskompetenz» Forum Ehe+Familie)

Der obige Text ist eine Zusammenfassung der Sendung «Zoom: Streitpunkt christliche Erziehung – zart oder hart?» von Radio Life Channel.