Was ist christlicher Glaube?

Haben Sie sich auch schon gefragt, was christlicher Glaube eigentlich genau bedeutet? Die Frage ist berechtigt. Schaut man auf die Lebensweisen und auf die Kommunikation von Christen oder (Frei)Kirchen, so gibt es da ein paar Auffälligkeiten. Welche Werte zählen und was ist wichtig? Ein Versuch, zu erklären und zu ordnen.

Die Themen im Überblick:

Was ist christlicher Glaube? Was sind christliche Werte?

Was ist christlicher Glaube? Was sind christliche Werte?

Mitglied einer Gruppe werden

«Im Volksmund heisst es, die Wege des Herrn seien unergründlich. Aber Pascals neue Freunde wussten auf alles eine Antwort» so lautet ein Artikel aus der NZZ . Darin werden verschiedene Personen und Kirchen mit feiner Feder porträtiert. Zwei davon möchte ich im nachfolgenden Artikel mit einbeziehen.

  • Zum Beispiel Pascal (Name geändert). Angesprochen durch Kommilitonen, wurde er zu christlichen Treffen eingeladen und fand das, was er bisher nicht gefunden hatte: Als Einzelgänger Teil einer – nämlich ihrer – Gruppe zu sein.
  • Da ist Religionswissenschaftler Christian Rossi, freier Mitarbeiter bei Infosekta, der Schweizer Fachstelle für Sektenfragen. Rossi war im Alter von 14 bis 24 Jahren selbst Mitglied bei den Zeugen Jehovas.

Zwei Menschen, die in einer Freikirche oder Sekte waren und aus verschiedenen Gründen ausgestiegen sind. Noch etwas haben die zwei gemeinsam:

Sie bereuen den Austritt nicht und es geht ihnen heute besser, als während ihrer Mitgliedschaft im engen Denken und Leben.

Die Sehnsucht nach richtig oder falsch, nach Wissen und Recht haben.

Richtig oder falsch kann oft eine trennende Wirkung haben.

Richtig oder falsch, duales Denken engt ein

Es geht um die grossen Fragen. «Wofür bin ich da?», «Was ist der Sinn des Lebens?» Insbesondere der christliche Glaube bietet hier Antworten.

Dabei muss man sich bewusst werden, dass Glaube eben Glaube und darum nicht beweisbar ist. Genau das täte ihm aber manchmal gut.

Denn unter dem Aspekt Glauben existiert in meinen Augen viel Spielraum für persönliche Auslegungen. Die haben meistens mehr mit dem Weltbild dessen zu tun, der ihn auslegt. Zumal auch die Bibel Geschichten aus einer Zeit erzählt, die uns heute sehr fremd ist. Andere Länder, andere Sitten. Oder anders gesagt: vergangene Kulturen, andere Sitten.

Nun kann man diese Auslegungen auch so verwenden, dass sie die Mitglieder steuern. Das weiss auch Christian Rossi.

Problematisch werde es, wenn eine religiöse Gemeinschaft mit verschiedenen Kontrollmechanismen und -instanzen arbeite. Herrscht ein duales Denken vor – richtig oder falsch, gut oder böse, wir gegen die andern, Erlösung oder Hölle –, dann liege meistens etwas im Argen, sagt Rossi. Auch die Antworten auf alle grossen Lebensfragen seien bei solchen Gemeinschaften kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Alarmglocke. Bei Neumitgliedern werde zudem oft bewusst darauf geachtet, dass sie ihre Familienangehörigen oder Freunde entweder bekehren oder sich von ihnen distanzieren. Quelle: NZZ.ch

Auf alles eine Antwort wissen

Menschen denken und fühlen. Und immer wieder taucht die Frage auf: Was wird uns die Zukunft bringen? Ist unser Sicherheitsgefühl ungenügend gedeckt, dann brauchen wir Zusagen und die gibt es in der Bibel zahlreich. Antworten helfen uns, unsere Ängste zu beruhigen.

Christen wissen auf genau diese Zukunftsfragen eine Antwort.

Sie wissen, was war und was kommen wird. Was Gott von den Menschen erwartet und was ihm missfällt. Pascals Freunde lehren ihn, dass, je mehr ein Mensch Gott gebe, desto wertvoller werde er. Die Freikirche, zu der Pascal gehörte, verlangte von ihren Mitgliedern, auch ihre Partner zu rekrutieren. Pascals unermüdlicher Einsatz und die verschiedenen zunehmenden Spannungsfelder führten ihn in eine Depression und zu der Tatsache:

Entweder ist dieser Gott, an den er glaubt, kein guter Gott – oder das, was seine Gemeinschaft predigt, gar nicht Gottes Wille.

Christian Rossi faszinierten ebenfalls die klaren Antworten auf seine grossen Fragen. Und eine Prophezeiung imponierte ihm: Sie besagt, dass im Jahr 1914 Harmagedon, der Tag des Jüngsten Gerichts, hätte eintreten sollen. Anstelle der Apokalypse brach der Erste Weltkrieg aus. Rossi fand, ein Weltkrieg käme einem Weltuntergang doch sehr nah – das machte ihm Eindruck. Doch viele andere Vorhersagen der Zeugen Jehovas trafen nie ein, wurden heimlich angepasst oder entfernt. Für Rossi Grund genug, auszusteigen.

Christian Rossi und Pascal sind keine Einzelfälle. Immer wieder erleben Menschen religiösen Frust. Grund sind Aussagen wie: Glaube heilt – und wenn er dies nicht tut, glaubt man zu wenig.

Kritisches Hinterfragen wird mit den Erklärungen «Zweifel», «Anfechtung» und «schlechter Einfluss» abgetan.

Kein Wunder, treten Menschen bei diesen Vorstellungen und Erwartungen aus «Frei»Kirchen aus.

Besuch in einer Freikirche

Der NZZ-Artikel beschreibt auch einen Gottesdienstbesuch in einer Freikirche. In der Predigt geht es um Geld und darum, dass man so viel gibt, wie man kann. Die «Kollekte» wird wunderbar umschrieben. Eingeblendeter QR-Code. Ein Flyer, auf dem gross geschrieben steht: «Giving, Giving, Giving» – «Geben, Geben, Geben», denn «die Stärke dieser Freikirche liegt in der Grosszügigkeit und Hingabe seiner Mitglieder».

Es spielt Musik. Auf der Leinwand wird eine einfache Buchhaltung eingeblendet und daneben Dinge, die die Mitglieder sich in ihrem Leben wünschen, Wunder, für die sie beten. Rechts bereits erfüllte Wünsche, für die sie dankbar sind.

Spenden und Gebetserhörungen kommen sich zu nahe, obwohl sie beim besten Willen nichts miteinander zu tun haben.

Freikirche. Man ist eins. Unter sich. Gemeinschaft leben nach ihren Formen und Regeln.

Danach beten die Gläubigen. Nicht still und leise für sich, sondern als Gemeinschaft. Manche murmeln, andere wippen im Takt, recken die Hände in die Höhe. Etwas Fiebriges liegt plötzlich in der Luft. Etwas Drängendes, Forderndes. Zitat NZZ Ende. 

In meinen Augen kommt Verständlichkeit vor Irritation, sprich Anziehungskraft vor Verwirrung. Habe ich am Ende etwas falsch verstanden?

Gelebte Nächstenliebe trotz widriger Umstände

Gelebte Nächstenliebe trotz widriger Umstände.

Gelebte Nächstenliebe

Dr. Denis Mukwege ist ein kongolesischer Gynäkologe, Menschenrechtsaktivist, Gründer und leitender Chirurg des Panzi-Hospitals in Bukavu sowie Friedensnobelpreisträger. Mukwege gilt als weltweit führender Experte für die Behandlung von Verletzungen von Mädchen und Frauen, die durch Gruppenvergewaltigungen wie auch durch gezielte physische Unterleibsschändungen verursacht wurden.

Mukwege erzählt in seiner Biografie «Meine Stimme für das Leben», unter welch schwierigen Umständen er lebte. Schon als Neugeborenes musste seine Mutter um sein Leben bangen. Nach der Geburt erlitt er eine lebensgefährliche Entzündung, weil die Nabelschnur unsachgemäss getrennt wurde. Das katholische Hospital wollte ihn nicht aufnehmen, weil seine Eltern protestantisch waren. Nur dank einer engagierten Lehrerin überlebt er. 

Während des Studiums schlicht er sich manchmal abends heimlich aus dem Campus und ging ins Kino. Er liebte Filme und wollte sich informieren. Doch die christlich geprägte Ausbildungsstätte hatte ihre eigenen Regeln und Kino lag nicht drin. Zu weltlich.

Mukwege erzählt in seiner Biografie, dass Gott Nächstenliebe weit wichtiger sei als veraltete Regeln.

Mukwege engagiert sich auch politisch, indem er Grausamkeiten im Kongo dokumentiert und wiederholt verantwortliche Tätergruppen öffentlich benennt. Mehrmals entging er Mord-Anschlägen, die ihm galten.

Wir müssen äussere Umstände nicht als Massstab für Nächstenliebe nehmen. Innere schon.

Was bedeutet christlicher Glaube? Was sind christliche Werte?

Die Auslegung christlicher Werte war schon immer sehr unterschiedlich und, wie mir manchmal scheint, in Kirchen, wo «die Wahrheit verkündet wird» eher enger definiert als ausserhalb. Ich glaube nicht, dass diese manchmal seltsamen Forderungen nachhaltig sind. In solchen Momenten tut mir eine Biografie wie die von Dr. Denis Mukwege wohl.

Der so anders handelt und irgendwie auch anders liebt. Bei ihm spüre ich Wahrhaftigkeit. Anziehungskraft. Freiheit trotz unglaublich grossen Gefahren.

Mein Text will niemanden verurteilen, aber durchaus sensibilisieren. Kirchen dürfen mutig sein und fragen, wie sie auf andere wirken. Ob Missionieren nicht anders verstanden werden kann. Ob es nicht von selbst geschieht, wenn man sich offen und ehrlich für andere Menschen interessiert, anstelle von Beziehungsaufbau nach Plan.

Jedes Mal, wenn ich mich mit den Fragen, was christlicher Glaube und christliche Werte eigentlich sind, auseinandersetze, komme ich zur selben Antwort:

Sie sind das, was wir selbst daraus machen. In dieser Erkenntnis liegen viele Chancen zu einem aufrichtigen und überzeugenden Leben.

© christliche-werte.ch, 29.4.2024, Autor: Andreas Räber

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Zum Autor

Andreas Räber ist GPI®- und Enneagramm-Coach und fundierter Querdenker. Er fördert neue Denk- und Sichtweisen, zum einen als Autor zahlreicher Blogs, Fachartikel und Kurzgeschichten rund um Beruf, Glauben und Leben. Zum anderen begleitet er seit über 14 Jahren Menschen bei Themen wie Standortbestimmung, berufliche Neuorientierung, berufliche Selbstständigkeit, Persönlichkeitsentwicklung etc.

Er ist Inhaber der Webseiten christliche-werte.ch, christliche-lebensberatung.ch, ausbildung-tipps.ch, berufliche-neuorientierung.ch und christliche-feiertage.ch und Autor des wöchentlichen Impuls-Newsletters «Anstubser».

Andreas Räber ist zudem seit über 23 Jahren im Bereich Internet und Online-Marketing tätig.

Andreas Räber auf Linkedin.com und auf Andreas-Räber.ch

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